Georgien: »Tote landen oft auf dem Trottoir«

Livenet, 19.11.2018

Georgien: »Tote landen oft auf dem Trottoir«

Christen bringen Wertschätzung
Seit über 15 Jahren setzt sich die Osteuropamission für Notleidende in Georgien ein. Da die Arbeit in der Hand der lokalen Mitarbeitenden liegt, kommt die Hilfe dort an, wo sie benötigt wird. In Georgien leiden neben Familien vor allem betagte Menschen unter Armut, Hunger und Verwahrlosung. Ein Interview mit dem Leiter der Osteuropamission Schweiz, Eelco de Boer.

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CH-Missionsleiter Eelco de Boer mit einem Obdachlosen auf den Kirchenstufen in Tiflis.

 

Eelco de Boer, die georgische Flagge zählt fünf Kreuze und zeugt so weltweit am stärksten von der christlichen Orientierung des Landes. Weshalb engagiert sich die Osteuropamission in Georgien?
Eelco de Boer:
Knapp vier Prozent der Menschen in Georgien gehören anderen christlichen Konfessionen als der Orthodoxen Kirche an. Diese besitzt in Georgien viel Macht. In den 90er-Jahren habe ich die Gewalt und Brutalität ultra-orthodoxer Kräfte selbst miterlebt. Ich war Gastredner in einer evangelischen Kirche, als während des Gottesdienstes plötzlich die Fenster barsten und grosse Pflastersteine um unsere Köpfe flogen. «Vater» Basil Malakaschwili, Anführer einer ultra-orthodoxen Gruppierung, hatte mittels eigener TV-Station dazu aufgerufen, evangelische Christen zu terrorisieren. Seine Anhänger drangen auch in Kirchen ein, entwendeten Bibeln und Gesangsbücher und verbrannten sie öffentlich. Der ehemalige, westlich orientierte Präsident, Micheil Saakaschwili (2004–2012), setzte diesem Machtmissbrauch sowie der Korruption im Land zwar ein Ende, trotzdem werden protestantische Gemeinden in Georgien noch immer als Sekte betrachtet und angefeindet. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der einhergehenden Inflation verloren viele, insbesondere ältere Menschen, in Georgien ihr Vermögen und verarmten völlig. Als Nicht-EU-Mitglied erhält Georgien keine Fördergelder. Deshalb unterstützen wir die Notleidenden.

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Das Ehepaar Sinitsa wird regelmässig mit Lebensmitteln unterstützt.

 

Wie sieht die Arbeit der Osteuropamission in Georgien aus?
Wie in allen Ländern, in denen wir tätig sind, laufen die Projekte auch in Georgien unter der Regie der lokalen Mitarbeitenden. Oft sind dies Pastorenehepaare und Diakone von Kirchgemeinden. Wir als OEM Schweiz versorgen sie mit Geld- und Sachspenden. Auch organisieren wir Patenschaften für Kinder und deren mittellose Familien. Und für Senioren! Sie liegen unserem Pastorenehepaar Vitali und Larissa Ivanov besonders am Herzen. Noch immer treffen sie auf verwahrloste alte Menschen, die halbverhungert in kalten Kellerlöchern oder zwischen Kartonschachteln hausen. Regelmässig schauen Larissa und Vitali bei ihnen vorbei und versorgen sie mit kleinen Öfen und Lebensmitteln. Wer Glück hat, findet gar ein Plätzchen in ihrem «Haus der Wohltätigkeit». Vor 13 Jahren konnten Larissa und Vitali das dreistöckige Gebäude in Tiflis dank Schweizer Finanzierung erwerben und zu einem Heim für Senioren umbauen.

Was bewegt Sie, wenn Sie auf Ihre Arbeit in Georgien blicken?
Es erschüttert mich, wie dort mit alten Menschen umgegangen wird. Oftmals werden sie aufgrund der Armut in der Familie von ihren eigenen Kindern verstossen und können von ihrer mickrigen Rente nicht leben. Man empfindet sie als Last. Viele Ärzte behandeln nicht gerne alte Menschen. Sie sagen, es lohne sich nicht, da diese ja eh bald sterben würden  Und wenn das dann geschieht, werden die Leichen oft aufs Trottoir gelegt, weil das Geld für einen Sarg und die Beerdigung fehlt. Mich berührt es sehr, wie unser Pastorenpaar Ivanov sich für die alten, kranken und armen Menschen in Georgien einsetzt. Lange bevor das «Haus der Wohltätigkeit» eröffnet wurde, hatten sie schon Senioren bei sich zuhause aufgenommen, um ihnen Bett, Bad und Brot zu bieten. Durch die praktische Hilfe und den respektvollen Umgang werden die Menschen auch neugierig und fragen unsere Mitarbeitenden nach deren Motivation. Dann ist die Tür offen, um konkret von Gottes Liebe zu erzählen und von der Hoffnung, die er schenkt.

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Im Haus der Wohltätigkeit für Senioren wird gerne gefeiert und gut gegessen. Am Servieren: Heimleiterin Larissa Ivanov.

 

Erzählen Sie von jemandem, dessen Leben durch Ihre Arbeit verändert wurde.
Da greife ich gerne auf einen Bericht von Larissa zurück. Sie erzählte uns Sergeis Geschichte: «Sergei musste wegen des Krieges aus der georgischen Provinz Abchasien fliehen und lebte viele Jahre in Russland. Als er alle seine Papiere verlor, kehrte er nach Georgien zurück und landete in einem Zeltlager für Obdachlose. Dort erlitt Sergei einen Herzinfarkt, verbrachte tagelang auf seiner Matte und konnte nicht mehr aufstehen. Zu allem Elend kam ihm auch noch sein Handy abhanden. Dadurch verlor er den Kontakt zu seinen Verwandten in Moskau, die ihn bisher finanziell unterstützt hatten. Freundliche Menschen brachten ihn in unser Haus. Als er mir Familienfotos zeigte, fand ich zwischen anderen Papieren die Telefonnummern seiner Verwandten und konnte einen Neffen ausfindig machen. Die beiden trafen sich persönlich und blieben danach über Skype verbunden. In den letzten Wochen seines Lebens erfuhr Sergei viel Wertschätzung, die ihm seine Menschenwürde zurückgab. Auch konnten wir mit ihm über das ewige Leben und das Himmelreich sprechen. Dafür brennt unser Herz.»

Was können wir im deutschsprachigen Europa tun?
Viele Menschen wissen über dieses Elend, das gut zwei Flugstunden von unserer Haustüre entfernt herrscht, gar nicht Bescheid. Ich wünsche mir, dass wir uns besser informieren und bereit sind, von unserem Überfluss abzugeben. Notleidenden zu helfen, schenkt Freude und macht uns dankbarer und zufriedener.

Über Georgien:
Georgien ist ein Schmelztiegel zwischen Okzident und Orient und zählt 3,7 Millionen Einwohner. Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ist es unabhängig. Doch die Menschen sind von politischen Wirren, Kriegen, wirtschaftlichen Krisen, Flucht und Verfolgung gezeichnet. Viele leben in bitterer Armut. 2008 waren im Kaukasus wieder Kämpfe ausgebrochen, die sich zu einem Krieg zwischen Russland und Georgien ausweiteten. Er kostete Tausende von Menschen das Leben und trieb Hunderttausende in die Flucht. Auslöser waren die Konflikte in den von der einstigen Sowjetunion abgespaltenen Provinzen Südossetien und Abchasien, die sich geografisch in Georgien befinden.

Zur Webseite:
Osteuropamission Schweiz

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