»Kann ich diesen Jesus überall mit hinnehmen?«

Livenet, 25.01.2018

»Kann ich diesen Jesus überall mit hinnehmen?«

Missionaler Lebensstil im Alltag
Den christlichen Glauben im Alltag ganz natürlich weiterzugeben, ist nicht für jeden einfach. Angelika Beyer berichtet, wie sie ganz alltägliche Situationen nutzt, um Menschen auf Gott hinzuweisen. Häufig muss sie auch schmunzeln …

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«Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir» (Galater, Kapitel 2, Vers 20). Dies ist eine der beiden Bibelstellen, die die Frage beantworten: Warum tue ich, was ich tue? Egal, ob ich im Laden bin, im Zug, im Krankenhaus oder auf der Strasse – wo ich bin, geht Jesus auch hin und will raus aus mir zu den Leuten.

Mein missionaler Lebensstil findet in den vielen kleinen Alltagssituationen statt. So habe ich in allen Taschen  Spruchkarten mit den kleinen Geschenken dran wie Teebeutel, Sonnenblumenkerne, Gummibärchen oder im Advent die langen Streichhölzer, die für vier Kerzen reichen. Wenn ich irgendwo an der Kasse stehe, verschenke ich diese Kärtchen und erlebe immer ein Lächeln. Hier im Osten Deutschlands kennen die meisten Menschen so gut wie nichts von der biblischen Botschaft. Aber diese kleinen Botschaften auf den Kreativkarten rufen immer positive Reaktionen hervor. Die Verkäuferin beim Bäcker sagte neulich: «Ich hab alle Karten an der Pinnwand!» Leider dürfen die Politessen keine annehmen, aber dafür die Leute im Copyshop. Dort bekomme ich jetzt die höchsten Rabatte, obwohl ich gar nicht so viel kopiere…

«Als Atheist darf ich das doch gar nicht glauben!»

In den meisten Fällen habe ich es mit Atheisten zu tun. Dadurch kommt es immer wieder zu Situationen, die mich zum Schmunzeln bringen und gleichzeitig sehr berühren. Da kam diese Frau über die Suppenküche seit einiger Zeit in den Gottesdienst und erzählte mir ihr Leid: Sie wollte mit zur Gemeindefreizeit fahren, aber ihre Tochter verbot ihr, das Enkelkind mitzunehmen. Ich sagte ihr, dass ich darum bete, dass das Enkelkind mitkommen darf. Sie schaute mich an: «Das ist gut. Aber ich als erklärter Atheist darf das doch gar nicht glauben!» Am Anfang der Freizeit kam das Mädchen dann strahlend auf mich zu: «Meine Oma hat mir erzählt, dass Sie immer dafür gebetet haben, dass ich mit kann. Es war zwar schwer mit meiner Mutter, aber jetzt bin ich hier!»

Was hätte Jesus gemacht?

Irgendwie ziehe ich die Trauernden magisch an. Vor zwei Wochen kam ich abends heim und lud mein Auto aus. Da kam der Mann, der mit seiner Frau und drei Jungs seit einiger Zeit als Hartz-4-Empfänger in der Nachbarschaft lebt, herüber: «Meine Frau ist heute Mittag gestorben. Können Sie das meinen Kindern sagen?» Er hatte wohl irgendwie gehört, «dass ich so was mache». «Aber bitte nichts von Gott sagen und so!» Ich habe dann sehr lange mit seinen Kindern gesprochen und mich dabei an die Abmachung gehalten. Dabei fragte ich mich ständig: Was hätte Jesus jetzt gemacht, ausser natürlich diese Frau aufzuerwecken? Die Geschichte findet vermutlich eine Fortsetzung, denn die Familie braucht ja auch weiterhin Hilfe.

Mit Jesus zum Scheidungstermin

Eine Frau aus unserer Gemeinde hatte eine Kollegin, die vor zwei Jahren versuchte, ihren Mann umzubringen. Die Frau besuchte sie im Knast, betete mit ihr und sprach auch über Jesus. Nachdem die Kollegin wieder entlassen worden war, kamen sie eines Tages gemeinsam zu uns in die Gemeinderäume, um beim Saubermachen zu helfen. Die Kollegin war sehr schüchtern, doch ich konnte mit ihr sprechen und sie kam immer öfter und begann aufzutauen.

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Angelika Beyer

 

Dann erzählte sie mir, dass sie Angst vor dem Scheidungstermin hätte, da dieser in dem Gebäude sei, wo sie vor dem Haftrichter gestanden hatte. Ich fragte sie: «Können wir in Gedanken auf den Parkplatz fahren und Jesus einladen, dass er dir zeigt, wo er auf diesem Parkplatz auf dich wartet?» Wir beteten, und die Frau sah Jesus, der zu ihr ins Auto stieg und mit ihr dorthin fuhr. Ihre Angst vor dem Termin war mit einem Mal verschwunden. Heute ist die Frau fröhlich und aktiv in der Gemeinde, ein völlig veränderter Mensch.

Eine Esoterikerin im Kirchcafé

Man kennt mich mittlerweile bei etlichen Behörden in der Stadt. So bekam ich einen Anruf vom Wohlfahrtsverband: «Jemand hier will eine Selbsthilfegruppe für Depressive gründen. Wir finden, die soll erst mal mit Ihnen reden.» Ich merkte, dass die Frau selbst noch Kummer und Probleme hatte. Sie wollte aber gern ein Café eröffnen. Ich konnte sie davon überzeugen, dass sie dafür erst einmal Erfahrung sammeln müsse, und lud sie ein, in unserem Vineyard-Café zu helfen. Jetzt kommt sie seit eineinhalb Jahren jeden Freitag, backt Kuchen und schenkt Kaffee aus. Nicht schlecht für eine praktizierende Esoterikerin! Nebenher kann ich ab und zu mit ihr beten und mit ihr sprechen. Ihre Psychologin staunt jetzt, wie gut sie sich inzwischen entwickelt hat.

Manchmal spüre ich das richtig körperlich, was es bedeutet, wenn es von Jesus heisst: «Es jammerte ihn.» Da spüre ich dieses tiefe Erbarmen. Eine Frau rief mich an und bat um ein Gespräch. Sie erzählte mir ihre Leidensgeschichte. Die Mutter war als Alkoholikerin neben ihr auf der Parkbank gestorben, der Vater verschollen, drei Geschwister im Heim. Sie selbst war in schwierigen Verhältnissen bei Pflegeeltern aufgewachsen. Jetzt war die Pflegemutter gestorben und sie sollte nun der Familie helfen. Dabei ging es ihr sehr schlecht, der ganze psychische Druck kam wieder hoch. Ich fragte – was ich selten im ersten Gespräch tue –, ob ich für sie beten darf, obwohl die Frau noch nie etwas von Jesus gehört hat. Ich durfte! Der Druck auf ihrer Brust wurde leichter, sie spürte ein Kribbeln. Ich erklärte ihr: «Wenn Sie Angst haben, wieder hinzugehen, sagen Sie einfach ‚Jesus, komm bitte mit!‘ Kriegen Sie das hin?» Sie strahlte: «Ja! Darf ich diesen Jesus überall mit hinnehmen?»

30 Jahre Schmerz

In der Zeitung stand in einer kleinen Anzeige, dass die Trauerfeier für die Stillgeborenen am nächsten Freitag stattfinden würde. Darunter stand meine Telefonnummer. Beim Bäcker fragt mich die Verkäuferin: «Sind Sie das mit der Beerdigung?» Als ich bejahte, rannte sie weinend nach hinten. Ihre Kollegin erklärt mir, dass diese Frau früher, als 17-Jährige, ein Kind verloren hatte. Man hatte es ihr damals in der DDR als Frühgeburt einfach weggenommen. Und jetzt glaubte sie, dass dieses Kind noch am Leben sei. Ich dachte mir nur: «30 Jahre – und so ein Schmerz!» Über einige Umwege konnte ich für die Frau herausfinden, dass das Kind damals wirklich gestorben war und auf dem Grabfeld beerdigt wurde. Als wir zusammen zu diesem Grabfeld gingen, auf dem jetzt nur noch eine Wiese zu sehen ist, spürte sie körperlich, wo das Baby beerdigt liegt. Sie legt eine Rose und eine Kerze an dieser Stelle nieder und ich betete mit ihr. Tiefer Trost erfüllte sie.

Vor zwei Jahren tauchte eine Frau im Gottesdienst auf, sie kam aus dem esoterischen Hintergrund. Als ich sie ansprach, erzählte sie mir ihre ganze Geschichte und fragte dann: «Warum erzähle ich Ihnen das jetzt eigentlich alles?» Das höre ich immer wieder. Sie hatte soeben mit 37 Jahren von ihrem Vater erfahren, dass sie einen anderen leiblichen Vater habe. Sie wollte ihn gerne finden, aber er war ein russischer Offizier aus der Kaserne in Stendal und natürlich seit der Wende weg. Ich betete mit ihr, dass sie ihren Vater finden möge und dachte mir dabei, dass sie genauso gut eine Nadel im Heuhaufen suchen könnte. Einen Monat später sagte ihr jemand, wo ihr Vater leben würde, und zwei weitere Monate später konnte sie ihn in Georgien besuchen. Seitdem kommt diese Frau in die Gemeinde, macht inzwischen auch verbindliche Dienste bei uns und wird demnächst jemanden aus der Gemeinde heiraten.

Die meisten meiner Begegnungen mit Menschen finden keine derartige «Erfolgs»-Fortsetzung. Aber das ist für mich ja gar nicht der Punkt, denn oft ist es einfach nur wichtig, dass ich da bin. Ich liebe diesen Lebensstil, bei dem ich Jesus in den vielen Momenten des Alltags in mir spüre und er dann auf irgendeine Weise durch mich zu den Menschen will. Nein – ein anderes Leben kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.

Angelika Beyer ist mit Michael verheiratet und hat vier erwachsene Kinder und ein Enkelkind. Sie wuchs in der DDR auf, war früher Pfarrerin und ist jetzt Klinikseelsorgerin. Ausserdem ist sie Mit-Gründerin der Vineyard Stendal und leitet diese jetzt gemeinsam mit ihrem Mann.

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