»Reine Wissenschaft basiert auf Glauben«

Livenet, 13.07.2018

»Reine Wissenschaft basiert auf Glauben«

Antonio Loprieno
Der ehemalige Rektor der Universität Basel und aktueller Präsident der Akademien der Wissenschaften, Antonio Loprieno, sagte an einer Vernissage Erstaunliches zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft.

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Antonio Loprieno (rechts) und Bernhard Rothen im Gespräch

 

An einer Vernissage zum neuen Buch von Pfarrer Paul Rothen über Bruder Klaus hielt der Basler Professor und Ägyptologe Antonio Loprieno unter dem Titel «Die Wahrheit wird euch frei machen» eine bemerkenswerte Ansprache über die Spannung von Glaube und Wissen. Er formulierte diese in eigenen Worten so: «Soll man der Wahrscheinlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse oder der Wahrheit der biblischen Botschaft Vertrauen schenken?» Seinen Ausführungen legte er die Worte aus dem Johannesevangelium, Kapitel 8, Vers 31 zugrunde, die im Ausspruch von Jesus gipfeln: «Wenn also der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein.»

Zwei Schlüssel bei der Wahrheitssuche

Das Wort Gottes sei gerade im Johannesevangelium «identisch mit dem Sohn – Gottes grösstes, weil verständlichstes Geschenk an uns Menschen», so Loprieno. Er betonte die «Macht des einfachen Wortes» sowie die «friedensstiftende, befreiende Botschaft», die zum «zweifachen Schlüssel auf der Suche nach Wahrheit» geworden sei. Ein Schlüssel dazu sei das von der Vernunft geleitete Gewissen, wie es Luther verstanden habe. Den zweiten Schlüssel habe Calvin formuliert, als er bei der Verteidigung der Reformation gegenüber Kardinal Sadolet auf «das stete Streben nach Höherem als nur dem, was unsere Seele zu retten vermag» sprach. Gerade diesen Zusammenhang habe auch Bernhard Rothen in seinem Buch über Bruder Klaus hervorgehoben. Es liefere ein Bekenntnis zum «Wort als Werkzeug der Wahrheit».

Heute erst recht auf das Vertrauen in Gottes Wort setzen

Sich an das Wort zu halten, bedinge aber auch Vertrauen. «Das Vertrauen, zu dem Jesus im Johannesevangelium seine Jünger auffordert, ist ein dynamischer Sachverhalt», so Antonio Loprieno. «Vertrauen steht an der Drehscheibe von Wissen und Glauben. Die Fähigkeit zu vertrauen ist ein Zeichen der Gnade Gottes.»

Doch: «Wie kann man nach dem scheinbaren Ende der Zeit der Vernunft, dessen Zeugen wir leider sind, immer noch behaupten, dass die Vernunft in das Wort Gottes spricht?», so die rhetorische Frage Loprienos. Er hat dazu eine klare Haltung: «Ich meine, dass dies nicht der Fall ist; dass auch nach dem Aufkommen und sogar dem scheinbaren Ende einer Ära der Rationalität und der Deutungshoheit der Wissenschaft in der Erklärung der Welt der Glaube an die Wahrheit des Wortes uns freimachen wird.» Und er folgert daraus: «Erst recht dürfen wir auch im Zeitalter der Rationalität – oder der Post-Rationalität, welche uns die täglichen Nachrichten vor Augen führen – auf das Vertrauen in Gottes Wort setzen.»

Wissen allein überzeugt nicht

Er liefert dazu eine logische Begründung: «Weil Wissen alleine uns nicht zu überzeugen, nicht emotional zu bewegen vermag. Wissen allein ist kalt. Um verinnerlicht zu werden, muss Wissen – erst recht wissenschaftlich fundiertes Wissen – in warmen Glauben umgemodelt werden.» Umgekehrt gilt: «Glaube gibt Wissen…  Wir leben besser, wenn wir hoffen und nach dem Geist streben, als wenn wir unsere Hoffnung aufgegeben haben.»

Wir müssen auch an unsere Experimente glauben

Als Wissenschafter und Forscher kann Loprieno heute sagen: «Viele verkennen, dass auch die reine Wissenschaft auf Vertrauen und Glauben basiert. Wenn wir an die Zuverlässigkeit unserer Experimente im Labor oder unserer Nachforschung in der Bibliothek nicht glauben, wenn wir ihnen nicht unser warmes Vertrauen schenken, können wir eigentlich kein zusätzliches Wissen generieren.»

Das Fazit daraus: «Das Wort der christlichen Botschaft steht nicht in Opposition zum Wort der wissenschaftlichen Abhandlung, sondern gibt ihr den Rahmen, in dem sie sich überprüfen, in Frage stellen und überwinden kann; das Wort gibt die Richtung an, damit wir nach Höherem streben als nur nach der Rettung unserer Seele. Das haben uns Christen Bruder Klaus und die Reformatoren vor 500 Jahren ins Gedächtnis gerufen, das erleben wir heute noch jedes Mal, wenn – wie heute – ein Zeichen des Vertrauens in dieses Wort gesetzt wird.»

Zum PDF:
Rede von Antonio Loprieno im Wortlaut.pdf

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