Das Lied von einem neuen Leben

Livenet, 26.02.2018

Das Lied von einem neuen Leben

Amazing Grace
Sicher kennen Sie es auch, es ist eines der bekanntesten Kirchenlieder dieser Welt: Amazing Grace. Es entstand 1772 und kam 1972 sogar an die Spitze der britischen Charts. Gedanken dazu von Pfarrer Otto Ziegelmeier, Leiter des Webportals theology.de.

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Man singt es oft an und nach Ostern, aber es spricht nicht direkt von Jesus und Auferstehung. Es spricht eigentlich von Ihnen und mir. Mich spricht es noch heute direkt an. Das Lied erzählt, dass jeder in ein neues Leben auferstehen und verwandelt werden kann. Wir sind nicht festgelegt auf alte Muster, wir bleiben nicht verstrickt in die immer gleichen Fehler. Es ist möglich, sich zu verändern, sein Leben zu ändern. Ja, das ist «Amazing Grace», eine erstaunliche Gnade. Dieses neue Leben ist beglückend und ernst zugleich, wie die 1. Strophe berichtet:

Grosse Gnade, wie süss der Klang,
die einen armen Sünder wie mich errettete!
Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden,
war blind, aber nun sehe ich.

Das klingt wahrlich süss und beschaulich – doch das Leben und Erleben des Dichters war alles andere als süss und beschaulich. Er heisst John Newton und kam 1725 in London auf die Welt. Mit 11 Jahren beginnt seine seemännische Ausbildung, dann heuert er auf einem Sklavenschiff an. Nun dient er auf einem Sklavenschiff und gerät in die Fänge eines Sklavenhändlers in Afrika. Ein Freund seines Vaters kann ihn befreien. Anschliessend macht er weiter: John Newton steigt auf zum Kapitän eines Sklavenschiffs. Er gerät in einen furchtbaren Sturm. In Todesnot betet der Sklavenkapitän zu Gott; und er wird gerettet. Dankbar berichtet davon die zweite Strophe von Amazing Grace:

Es war Gnade, die mein Herz Furcht lehrte,
und Gnade löste meine Ängste;
Wie kostbar erschien diese Gnade
in der Stunde, als ich erstmals glaubte!

Trotzdem bleibt er noch Kapitän auf dem Sklavenschiff. Erst mit 30 Jahren steigt er aus, beschäftigt sich intensiv mit Religion und wird Pfarrer. Und erst jetzt, mit 40 Jahren, schreibt er rückblickend «Amazing Grace». Aus Lebenserfahrungen werden Gotteserfahrungen, wenn das Leben unterbrochen wird und man erkennt: Das war nicht mein Leben. Ich habe es mir im falschen Leben bequem gemacht. Aber das muss so nicht bleiben. Keiner muss Sklavenhändler bleiben. Keiner muss bleiben, was er ist. Leicht ist das nicht. Aber wenn es gelingt, durch solche Erfahrungen sein Leben neu auszurichten, ist es Gnade.

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Arne Stephan spielt John Newton im «Amazing Grace»-Musical (Bild von Aufführung in Münster)

 

Bei John Newton geht die Entwicklung weiter. Mit über 60 Jahren wird er politisch. Im britischen Oberhaus kritisiert er den gnadenlosen Sklavenhandel. Er kann nicht zusehen, wie andere gnadenlos behandelt werden, wenn man selbst Gnade erfahren hat.

Amazing Grace sangen beide Parteien des amerikanischen Bürgerkriegs und auch die Indianer. Für die Cherokee ist es sogar die inoffizielle Nationalhymne; beim berüchtigten Pfad der Tränen im Jahr 1838 hatten sie ihre Toten häufig aus Zeitmangel ohne grosse Zeremonie, sondern nur unter Absingen von Amazing Grace beerdigt.

John Newtons Lied wirkt nach. Sein Lied, seine Erfahrung, öffnet Räume. Es erinnert und zeigt: Die Chance, neu zu werden, steht offen. Jedem. Und zu aller Zeit. Eine Chance für Despoten und Diktatoren, sich zu ändern. Eine Chance für Länder wie die Ukraine, Syrien, Ägypten, Nigeria, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Es ist ein Geschenk Gottes, an diese Gnade zu glauben. Für sich und auch für andere. Eine erstaunliche Gnade – Amazing Grace.

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