»Spotlight« leuchtet Kirchenskandal aus

»Spotlight« leuchtet Kirchenskandal aus

01.03.2016

Oscar als Bester Film
Dieser Film war der Überraschungssieger der Oscar-Verleihung 2016: In «Spotlight» deckt ein Redaktionsteam des Boston Globe die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche im Jahr 2001 auf. Nicht nur Bischöfe sollten sich dieses Drama anschauen. Auch für Journalisten und ihre Ethik ist er ein Lehrstück. Ein Kommentar von kath.ch-Redaktor Charles Martig.

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Szene aus dem Film «Spotlight»

«Spotlight» hat am 28. Februar verdient den Oscar für den Besten Film erhalten. Es handelt sich um eine profunde Auseinandersetzung mit dem Kampf im Newsroom. Er arbeitet das ethische Dilemma bei der Recherche von hochbrisanten Themen sehr präzise heraus. Wo stehen die katholischen Medien zwischen ethischem Anspruch und Loyalität zur Kirche?

Bischöfe und Medienschaffende sollten «Spotlight» sehen

«Alle Bischöfe und Kardinäle sollten diesen Film sehen», sagt Erzbischof Charles Scicluna von Malta, «weil sie verstehen müssen, dass Berichterstattung die Kirche retten wird, nicht das Schweigen.» Scicluna war lange Jahre zuständig als Strafverfolger von klerikalem Kindsmissbrauch im Vatikan. Der Film «Spotlight» löst also in der Kirche wichtige Impulse aus. Doch der Film ist nicht nur wichtig für Bischöfe und Kardinäle, sondern ebenso für Journalistinnen und Journalisten. Jeder Medienschaffende sollte diesen Film gesehen haben, denn er enthält ein ethisches Modell.

Regisseur Tom McCarthy verwendet das Genre des spannend und sorgfältig erzählten Journalisten-Films, der im Watergate-Skandal-Film «All the President’s Man» (1976) mit Dustin Hofmann und Robert Redford sein grosses Vorbild hat. «Spotlight» geht sein Thema nicht skandalisierend an. Vielmehr zeigt er sehr genau, wie Mechanismen und Arbeitsweisen im Newsroom funktionieren, lebensnah und realistisch.

Gekonnt auf den Punkt gebracht

Das Verdienst dieses Spielfilms liegt jedoch nicht darin, dass er die Aufdeckung der Missbrauchsskandale in den USA nacherzählt, sondern wie er das tut. Der grosse Gewinn besteht darin, dass er Journalistinnen und Journalistinnen als moralische Subjekte zeigt, die ihre Berufsstandards haben und diese auch in schwierigen Situationen zu befolgen versuchen.

Das Recherche-Team des Boston Globe – zuständig für die Investigation in komplexen Fällen – heisst «Spotlight». Der titelgebende Ausdruck «Scheinwerfer» hat eine doppelte Bedeutung. Einerseits geht es darum, Licht in verdeckte und verborgene Geschichten zu bringen und diese aufzudecken. Der Scheinwerfer wird aber auch den «Kriegsschauplatz Nachrichtenredaktion» gerichtet.

Das wird im Stil der grossen Journalistenfilme so intensiv, authentisch und mit einer derart engagierten Besetzung beleuchtet, dass man den Glauben an den guten Journalismus nicht verliert. «Spotlight» gibt also der arg unter Druck geratenen Berufsgruppe der Medienschaffenden eine Motivation, an ihren berufsethischen Standards festzuhalten, auch wenn dies unter dem fortwährenden Spardruck in Medienhäusern sehr schwierig geworden ist.

Das katholische Dilemma

Das Drehbuch von Josh Singer und Tom McCarthy enthält wichtige Zugänge für Journalisten, insbesondere für katholische. Es wird im Verlauf der Erzählung deutlich, dass die Berufsleute in einem Dilemma stehen. Viele von ihnen sind katholisch sozialisiert. Bei der Aufdeckung der Missbrauchs-Fälle zeigt sich das Dilemma immer schärfer.

Die Reporter Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und der Rechercheur Matt Carroll (Brian D’Arcy James) müssen zunächst ihre eigene Befangenheit überwinden: Sie alle sind katholisch erzogen worden. Sie stehen im Dilemma zwischen ethischem Anspruch und Loyalität zur Kirche. Als deutlich wird, dass die Vertuschung von Missbrauchsfällen ein System hat, geraten die Journalistinnen und Journalisten an ihre Grenzen.

Der neue Chefredaktor Martin «Marty» Baron (Liev Schreiber) ist nicht katholisch wie die meisten seiner Kollegen. Er kennt niemanden in Boston und ist nicht in Beziehungen gebunden oder durch Schule, College oder feine Gesellschaft verfilzt. Er ist es, der seine Leute auf den Weg bringt, das System des Verdeckens und Verschweigens aufzudecken. Die Journalisten müssen schwierige Entscheide fällen: zwischen ihrer individuellen Moral, den ethischen Berufsstandards und den Eigeninteressen von mächtigen Gruppen wie Rechtsanwälten und kirchlichen Entscheidungsträgern.

Glaubwürdigkeit heisst Spannungen aushalten

Besonders überzeugend ist «Spotlight» dort, wo der Film offen legt, dass die Journalisten auch Teil des Systems sind. Erste Berichte wurden bereits 1993 durch die Redaktion des Boston Globe veröffentlicht, ausgerechnet unter der Leitung eines Kollegen aus dem Spotlight-Team. Das Schuldeingeständnis einer wichtigen Identifikationsfigur des Films – wahrhaftig durch Michael Keaton verkörpert –, ist sehr überzeugend. Auch Journalisten sind Teil der Gesellschaft und in diesem Fall mit der katholischen Kirche und ihrem Fehlverhalten verbunden. Hier fällt es umso schwerer, einen klaren Blick zu bewahren und den Realitäten ins Auge zu schauen.

Herausforderung für kirchliche Redaktionen

Die Redaktion kath.ch – und damit alle kirchlichen Redaktionen – stehen genau in diesem Spannungsfeld: zwischen dem ethischen Anspruch des Berufs und der Loyalität zu einer Kirche, die sie als «Mutterhaus» betrachten. Durch den Glaubwürdigkeitsverlust der Institution Kirche in den vergangenen 20 Jahren ist diese Spannung immer grösser geworden. Ein Dilemma, dem sich keine katholische Journalistin, kein konfessionell verpflichteter Journalist entziehen kann. Nur wer diese Spannung anerkennt, kann glaubwürdig sein.

Das echte Reporterteam des Boston Globe bekam für seinen Artikel 2003 verdient den Pulitzer-Preis. Auch der Film hat nun mit dem Oscar für den Besten Film die höchsten Würden Hollywoods erhalten. «Spotlight» ist ein ethisches Modell für die Arbeit von Medienschaffenden und ein wichtiges Lehrstück für die katholische Kirche in ihrem Umgang mit den Medien.

«Spotlight», USA 2015, Regie: Tom McCarthy, Besetzung: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams.

Kinostart: 25. Februar 2016

Autor: Charles Martig
Quelle: kath.ch
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