Ein Ort, an dem Andersdenkende willkommen sind

Ein Ort, an dem Andersdenkende willkommen sind

22.07.2016

Die Kirche für Zweifler
Eine Diskussionsgruppe, in der Atheisten, Zweifler, Fragende und überzeugte Christen gemeinsam diskutieren und nach Wahrheit suchen – ist das überhaupt möglich, ohne im Streit zu enden? Ja, sagt Preston Ulmer. Vor einem Jahr startete er den ersten «Club der Zweifler», der mittlerweile auf 60 Leute angestiegen ist. Im September wird nun endlich die erste Gemeinde gegründet.

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Zur Doubters Church (Kirche für Zweifler) gehört der Doubters Club, der sich in Coffee-Shops trifft.

Ein Missionar kommt an einen neuen Ort und möchte Menschen erreichen, die sonst nie in die Kirche gehen – wie macht er das? Was ist der richtige Ansatz? Und wie schafft er es, wirklich «Unerreichte» zu erreichen? Preston Ulmer hatte hier eine originelle Idee: Als der junge Pastor aus seiner Heimat, New Mexico, nach Denver kam, ging er als erstes in einen Coffee Shop und fragte den Mann hinter dem Tresen, der sich letztendlich als Besitzer des Cafés herausstellte, völlig ungeniert: «Was für eine Art von Kirche würden Sie besuchen?» Die Antwort war ebenso direkt: «Oh, ich bin nicht religiös», vielmehr Atheist, aber dann öffnete er sich und erklärte, ihn interessiere eine Gemeinde, in der Menschen ihre Fragen und Zweifel offen darlegen könnten und nicht ausgeschlossen würden, wenn sie etwas anderes glauben. Das Fazit des Coffee-Shop-Besitzers: «Sie sollten so eine Gemeinde hier in der Gegend eröffnen!» Aus diesem kurzen Gespräch entstand nicht nur eine gute Freundschaft, sondern auch der erste «Club der Zweifler», ein Gesprächskreis, der vom 29-jährigen Ulmer als «vor-evangelistisch» eingestuft wird.

«Hauptsache, du bist ehrlich»

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Preston Ulmer

Ihm liegen Menschen mit Zweifeln, Skeptiker und Atheisten besonders am Herzen, weil er selbst einmal einer war. Zwar wuchs er in einem christlichen Haus auf, drehte dem Glauben 2007 aber den Rücken zu, weil er einfach zu viele Fragen hatte, die er nicht klären konnte. Auf seinem Weg zurück zum Glauben halfen ihm insbesondere die persönlichen Beziehungen und Gespräche mit einigen Pastoren, die seine Fragen und Zweifel auf intellektueller Ebene aushalten konnten. Einer seiner Mentoren sagte ihm: «Mir ist egal, wo du landest, solange du ehrlich bist!»

Dieses Ambiente möchte Ulmer heute auch im «Club der Zweifler» anbieten. Denn in dem Gesprächskreis dreht sich alles um hoch intellektuelle Diskussionen. Jede Woche werden theologische oder philosophische Fragen gestellt und darüber diskutiert. Zum Ende wird darüber abgestimmt, welche Frage beim nächsten Treffen diskutiert wird. Wichtig ist hierbei, dass die Wahrheit einen höheren Stellenwert bekommt, als der Fakt, Recht zu haben.
Die Teilnehmer kommen aus den unterschiedlichsten Kreisen, sowohl christliche als auch nicht-christliche. Seit dem offiziellen Start im September letzten Jahres mit zehn Leuten, ist der Kreis auf derzeit 60 Teilnehmer angewachsen, so dass sie sich mittlerweile bereits an zwei Orten treffen, natürlich in Coffee-Shops. Weitere Gruppen sollen eröffnet werden.

Missverständnisse der Bibel ansprechen

Preston Ulmer selbst vertritt jeweils eine christliche Weltanschauung in den Diskussionen und zeigt, wie die Themen mit der Bibel und mit Jesus verwickelt sind. Es geht ihm darum, Fehlinterpretationen und Missverständnisse über die Bibel anzusprechen und eine Plattform zu bilden, um mit Nicht-Christen ins Gespräch zu kommen. Doch es ist letztlich ein Ort, an dem jeder seine Zweifel und Unsicherheiten vor einen Gott bringen kann, der sich nicht verändert, der immer gleich bleibt und der auch Zweifeln und Skepsis Stand halten kann. «Wenn Menschen Zweifel über Gott haben, ist es das Gesündeste, wenn sie dies in einer Gemeinschaft vor Gott bringen können, anstatt es vor ihm zu verstecken oder zu unterdrücken», ist Ulmer überzeugt.

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Die Doubters Church bietet in einem Wohnwagen auch gratis frische Donuts an.

Viele der Teilnehmer haben einen katholischen Hintergrund, sind aber vom Glauben abgekommen, weil man ihnen sagte, dass sie nur Christ sein können, wenn sie ein exaktes Glaubenssystem übernehmen. «Das Christentum wurde ihnen als ein Paket von religiösen Überzeugungen überreicht, wie ein theologisches Kartenhaus. Sobald irgendeine dieser Doktrinen ausserhalb der Kirche von jemandem angezweifelt oder herausgefordert wurden, fiel ihr Glaube in sich zusammen.»

Einzig der Glaube an Jesus zählt

Dabei steht für Ulmer immer Jesus im Zentrum. Eine junge Frau sagte ihm beispielsweise nach einer lebhaften Diskussion über das Leben nach dem Tod, dass sie nie Christ werden könnte, weil sie nicht sagen könne, dass ihre atheistischen Freunde nach dem Tod in die Hölle kommen. Ulmers Antwort darauf: «Nicht dein Glaube an die Hölle macht dich zum Christ, sondern vielmehr dein Glaube an die Realität von dem, was Jesus gemacht hat und was er in der Welt tut!» Ihm war und ist bewusst, dass die Leute der Gruppe einen Prozess durchmachen, der nicht von heute auf morgen beendet ist. Und die Teilnehmer schätzen dies, wie die Antwort der jungen Frau zeigt: «Damit kann ich leben!»

«Vor Zweifeln muss man keine Angst haben»

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Das Team der Doubters Church

Dieses Jahr im September, also genau ein Jahr nach Gründung des ersten Clubs, wird Pastor Ulmer die erste «Kirche für Zweifler» (The Doubters Church) gründen und zwar genau in der Gegend des Coffee-Shops, den er zu Beginn seiner Mission besuchte. Doch warum dieser Name? Zweifel, so Ulmer, sind nichts, wovor man Angst haben muss! «Als Gott sein Volk Israel festmachte, geschah dies durch einen Kampf mit Jakob. Wenn ich von ‚Zweifeln‘ spreche, meine ich eher Unsicherheiten, nicht Unglauben. Auch viele der Psalmen sind voll von Zweifeln und Unsicherheiten.»

Bei seiner Arbeit geht es dem jungen Pastor auch nicht so sehr darum, Aufrufe zur Jesusnachfolge zu machen und viele Hände in der Luft zu sehen. Für ihn ist Evangelisation – und das rät er auch anderen – vielmehr ein Prozess. Es geht ihm um Jesus und darum, die Leute im langwierigen, schwierigen Prozess zu begleiten – im Bewusstsein, dass die Reise viele Herausforderungen birgt. «Konzentriert euch aber auf der Reise auf Jesus!», ist sein Rat.

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