»Den Christen im Westen fehlt etwas: die Verfolgung«

Livenet, 12.01.2018

»Den Christen im Westen fehlt etwas: die Verfolgung«

Andrew White an der Explo
Andrew White ist bekannt als der «Vicar of Baghdad». Als der ISIS-Terror im Irak tobte, blieb er dort und nahm sich den Nöten der Menschen an. Livenet-Redaktionsleiter Florian Wüthrich traf ihn am 30. Dezember 2017 anlässlich der Explo 17 in Luzern.

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Andrew White an der Explo 17

 

Auf eine Begegnung mit einem Mann wie Andrew White kann man sich eigentlich nicht vorbereiten. Als westlicher Christ, der von den Gräueltaten der ISIS nur aus sicherer Distanz gehört und gelesen hat und der kaum je aufgrund seines Glaubens Nachteile – geschweige denn Verfolgung – erfahren hat, fragt man sich, wie es wohl sein wird, diesem «Pfarrer von Bagdad» zu begegnen.

«Kann ich noch etwas mehr Schweizer Schokolade bekommen?

Aufgrund seiner MS-Erkranung ist White heute im Rollstuhl. Wenn er spricht, wirkt er etwas apathisch, was ebenfalls auf die Multiple Sklerose zurückzuführen ist. In seiner Gegenwart fühlt man sich aber nicht etwa klein und unwichtig, weil man ein sicheres Leben als Christ in einem der sichersten Länder der Welt führt; man fühlt sich ernstgenommen und geliebt.

Whites erste Sorge im Backstage-Bereich der Explo ist, wo er wohl noch etwas mehr Schweizer Schokolade herbekommt. «I love this Swiss Chocolate!» Ein paar Tage zuvor lag Andrew White nach einem MS-Schub auf der Intensivstation und wusste nicht, ob er den Jahreswechsel noch erleben würde. «Für diese Schokolade hat es sich auf jeden Fall gelohnt, weiterzuleben», scherzt White, um dann auch mir etwas Schokolade abzugeben.

Dieses Teilen der Schokolade ist typisch für den Mann, der sein Leben als Seelsorger an die Menschen im Irak, besonders auch an die Kinder, verschenkt hat. «Ihr Christen in der Schweiz habt so viel. Vergesst deshalb nie, mit denen zu teilen, die in Not sind! Wir sind eine Familie. Wenn ein Teil verfolgt wird, betrifft das alle.»

Wenn Jesus alles ist, was man hat
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Andrew White

 

In gewisser Weise fehle den Christen im Westen etwas Wichtiges, meint White etwas zugespitzt: «Euch fehlt die Verfolgung. Deshalb ist es für euch schwieriger, nah bei Jesus zu bleiben.» Für verfolgte Menschen sei es ganz klar, dass sie ganz nah am Messias dranbleiben müssen. «Jesus ist in Zeiten grausamer Verfolgung und Gewalt für viele das einzige, was sie noch haben!»

Im Irak hat der «Pfarrer von Bagdad» unmittelbar miterlebt, was Verfolgung mit den Menschen macht. Im Bezug auf die christliche Gemeinschaft sei ihm aufgefallen, wie alle Grenzen wegfielen, als die schreckliche Herrschaft des IS begann. «Die Christen waren zuvor aufgeteilt in ganz viele Richtungen.» Es habe Chaldäisch-Katholische, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Katholische, usw. gegeben. Doch als die Verfolgung anfing, seien alle diese Geschmacksrichtungen weggefallen. «Plötzlich waren alle nur noch messianisch und bezeichneten sich ganz einfach als Nachfolger Jesu!»

Und Jesus stellt sich auch immer wieder zu seinen Nachfolgern, wie White am Beispiel einiger konvertierter Terroristen berichtet. «Ich weiss von 58 Männern, die aufgrund eines Traums zum christlichen Glauben konvertiert sind. Sie alle gaben Zeugnis von einem ‚Mann in Weiss‘, der ihnen begegnet sei.» Solche spektakulären Gotteserfahrungen geschehen laut Andrew White immer wieder im Nahen Osten – «sie geschehen sicher nicht tausendfach, aber doch in beachtlicher Zahl.»

Die einmalige Chance der Schweiz

Einheit ist eines der grossen Herzensanliegen von Rev. White. Das andere, wohl noch stärkere, ist das des Friedensstiftens. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Herz des Friedensstifters durch alles, was er sagt, hindurch. Wie könnte es anders sein, dass er am Tag nach diesem Interview auch auf der grossen Explo-Bühne die Botschaft mit dem berühmtesten Friedensstifter-Vers der Bibel, Matthäus, Kapitel 5, Vers 9 beginnt: «Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heissen.» Wir alle seien berufen, Frieden zu stiften. Friedenstiften hänge mit dem Reich Gottes zusammen, so White. Und es sei auch politisch. «Ihr Schweizer habt als neutrales Land eine einmalige Gelegenheit, international Frieden zu stiften. Nutzt diese Chance, die Gott euch gegeben hat!»

«Wer ist mein Feind? – Die Person, deren Geschichte ich nicht kenne!»

Er selbst könnte wohl Hunderte Geschichten erzählen, wie er im Nahen Osten als Friedensstifter zu wirken versuchte. Einmal habe ihm Gott aufs Herz gelegt, irakische Ajatollahs (hohe Amtsträger im Islam) mit israelischen Rabbis (hohe jüdische Amtsträger) zusammenzubringen. «Aber wie, Gott?», habe er gefragt. Er habe viel gebetet und mit den religiösen Führern gesprochen. Dann habe er die Ajatollahs und Rabbiner zu einem Treffen in ein Hotel eingeladen. «Drei Tage sind alle dort zusammen gewesen und haben einander ihre Geschichte erzählt», berichtet Andrew White. Am Ende sei ein Ajatollah auf ihn zugekommen und habe gesagt: «Ich kenne jetzt deine Geschichte und ich liebe dich!» Alle diese Erlebnisse führten White zur Überzeugung, dass es tatsächlich möglich ist, seine Feinde zu lieben. «Wer ist mein Feind? Es ist die Person, deren Geschichte ich noch nicht kenne!»

So ermutigte der Pfarrer die Explo-Gemeinschaft in Luzern getreu dem Motto der Konferenz, in ihren Beziehungen Neuland einzunehmen. «Jeder von uns kann und soll radikal sein.»

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