Der Mönch, der ständig betrunken war

Der Mönch, der ständig betrunken war

01.06.2016

Mit anderen Augen gesehen
Auf dem «Heiligen Berg» Athos lebte ein Mönch. Er war jeden Tag betrunken, und seine Mitbrüder und die Pilger nahmen ziemlich Anstoss an ihm. Schliesslich starb er, und einige seiner Brüder gingen zum Ältesten und berichteten ihm, dass das Problem endlich gelöst sei. Aber was sie hörten, schockierte sie.

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Ein Mönch auf dem «Heiligen Berg» Athos

Vater Paisios, der Älteste der Mönche, antwortete: «Ich weiss, dass er gestorben ist. Und ich habe ein ganzes Heer von Engeln gesehen, das gekommen ist, um seine Seele abzuholen.» Die Brüder waren erstaunt, und einige protestierten und versuchten, Vater Paisios zu erklären, um wen es da ging. Er hatte ihn sicher verwechselt.

Aber Vater Paisios erklärte es ihnen: Dieser Mönch – nennen wir ihn Bruder Georgios – war in Kleinasien geboren worden, kurz bevor die Türken einfielen und alle Jungen mitnahmen. Damit er seinen Eltern nicht weggenommen wurde, nahmen sie ihn auf die Erntefelder mit. Und damit er nicht schrie, gaben sie ihm Milch mit Raki (Schnaps), so dass er schlief. So kam es, dass Georgios als Alkoholiker aufwuchs. Er wollte Mönch werden und fand einen Ältesten, der bereit war, ihn aufzunehmen. Er bekannte ihm, dass er Alkoholiker war.

Der tägliche Kampf

Der Älteste nahm ihn auf und riet ihm, jeden Abend seine Gebete und religiösen Übungen durchzuführen. «Und bitte Gott, dass er dir hilft, ein Glas weniger zu trinken.»

Es brauchte viel Bussübungen und Gebete, aber nach einem Jahr schaffte es Bruder Georgios, statt 20 Gläsern pro Tag nur 19 zu trinken. Dieser Kampf ging die ganzen Jahre weiter, bis er es schaffte, seinen Konsum auf 2-3 Gläser pro Tag zu reduzieren – was ihn immer noch betrunken machte.

Die andere Sicht

Diese ganzen Jahre hindurch sah die Welt einen betrunkenen Mönch, der allen Pilgern ein Anstoss war. Aber Gott sah einen Kämpfer, der einen langen und harten Kampf führte, um seine Sucht zu bekämpfen.

Wir wissen meistens nicht, was Menschen durchmachen, die wir leichtfertig nach dem Äusseren beurteilen. Aber Jesus sagte: «Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet.» Stattdessen ruft uns Jesus zur Barmherzigkeit auf. Das bedeutet nicht einfach alles gutheissen, aber den Schwächen unserer Mitmenschen mit Gnade zu begegnen. Wie ein geistlicher Mentor es einmal ausdrückte: «Wenn ich mich selbst kenne, habe ich den Schlüssel zum Herzen aller anderen Menschen.»

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