Warum die Hautfarbe von Jesus wichtig ist

Warum die Hautfarbe von Jesus wichtig ist

20.04.2016

Eigentlich weiss jeder, dass Jesus im vorderen Orient gelebt hat. Doch in der Vorstellung der meisten Europäer ist er eher blond und blauäugig mit gepflegtem kurzem Bart und Föhnfrisur. Aber der echte Jesus war Orientale und gehörte einer ethnischen Minderheit an. Dass das Auswirkungen auf die Kirche und ihren Dienst heute hat, betont Christena Cleveland, Professorin an der US-amerikanischen Duke Universtität im Bereich «Praxis und Versöhnung».

Christena Cleveland ist Professorin an der Duke Universität und lehrt dort im Bereich «Praxis der Versöhnung». Nach einer Vorlesung wurde sie von einer Studierenden darauf angesprochen, ob es für farbige Menschen eigentlich unangenehm sei, dass Jesus weiss war. Cleveland ist Äusserungen wie diese gewohnt und stellte klar: «Jesus war nicht weiss. Der historische Jesus sah mir, einer schwarzen Frau, ähnlicher als ihnen als Weisse.»

Warum Jesus für uns weiss ist

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Christena Cleveland

Es ist keine Überraschung, dass Jesus in unseren Gedanken so aussieht, wie wir ihn bereits «gesehen» haben: Das beginnt bei der Kinderbibel mit dem freundlich lächelnden, blonden Jesus. Und es hört bei den diversen Verfilmungen seines Lebens noch lange nicht auf. Überall ist Jesus ein freundlicher Mitteleuropäer in einem orientalischen Gewand. Zu unserer Gewöhnung an das vorherrschende Jesusbild kommt die psychologische Seite: Jesus wird uns gern als Freund vorgestellt, als «einer wie wir». Daran ist auch gar nichts verkehrt, bis auf die stillschweigende Annahme, dass er dann wohl auch so aussehen muss wie wir. Wobei dieses «wir» für die meisten von uns weiss und europäisch bedeutet. Da ist es kaum vorstellbar, dass Jesus fremd aussehen könnte, oder? Wie sollte denn ein Fremder unser Freund sein?

Jesus, der Orientale

Tatsächlich hat Jesus sicher eine relativ dunkle Hautfarbe gehabt, mindestens den olivfarbenen Teint der Menschen, die heute im Nahen Osten leben, vielleicht sogar deutlich dunkler. James Charlesworth, ein Bibelwissenschaftler der Princeton Universität, geht davon aus, dass Jesus «sehr wahrscheinlich dunkelbraun und sonnenverbrannt» war. Frühe Jesusdarstellungen zeigen ihn auch durchaus als Orientalen. Ab dem sechsten Jahrhundert allerdings bildeten byzantinische Künstler Jesus mit weisser Haut ab, mit einem Bart und Mittelscheitel. Dieses Bild entsprach dem damaligen Schönheitsideal und setzte sich durch. Später wäre es sogar schwierig geworden, Jesus dunkelhäutig darzustellen. Während der Kolonialzeit und der Sklaverei galt weiss als die Farbe der Herren – wie hätte der Herr der Welt da dunkelhäutig sein können? Hieran sieht man bereits, dass die Darstellung von Jesus mehr ist als eine Geschmacksfrage: Sie hat schon früher politische und gesellschaftliche Hierarchien gestützt. Die Hautfarbe von Jesus wurde zur Machtfrage.

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Jesus im Film «Son of God»

Bedingt galt dies übrigens schon zu Lebzeiten von Jesus. Als Jude gehörte er zu einer ethnischen Minderheit im grossen Römischen Reich. Einer Minderheit, die von Römern, Griechen und anderen Nicht-Juden marginalisiert wurde. Als Kleinkind war Jesus Ziel eines geplanten Kindermordes, als Kind Flüchtling im benachbarten Ägypten. Später lebte er unter der Willkürherrschaft der Römer und ihrer Steuern. Sein ganzes Leben lang gehörte Jesus wie sein übriges Volk zu einer ethnischen Gruppe, deren Kultur, Religion und ganzes Dasein von den Machthabern an den gesellschaftlichen Rand gedrückt wurde.

Jesus, der Bruder der Verfolgten

Damals in Israel war Jesus Teil des bedrückten Volkes. Er kümmerte sich nicht nur um die Armen – er war selbst arm. Er kümmerte sich nicht nur um die Flüchtlinge – er war selbst einer. Sein Dienst bestand nicht darin, dass er auf diejenigen zuging, die litten – er kannte das Leid aus eigener Erfahrung. Und seine Rettungsaktion bestand schliesslich darin, dass er sein Leben gab.

Wenn wir heute anderen Menschen im Namen von Jesus begegnen, dann müssen wir oft soziale Gräben überwinden, Verständnis entwickeln, Liebe lernen. Und wir tun gut daran. Vielleicht hilft es ja, dass wir uns bei unserer nächsten Begegnung mit einem Flüchtling aus Syrien klarmachen, dass dieser Mann mit dunkler Haut, dunklen Augen und einem schwarzen Bart, der ein bisschen wie die arabischen Terroristen in den Nachrichten aussieht, eigentlich so aussieht wie Jesus.

 

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