Freier Wille oder Prädestination?

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Was sagt die Bibel darüber? Einige Überlegungen.

Das Thema, inwieweit der Mensch von seinem Schöpfer mit einem freien Willen ausgestattet ist, ist seit Jahrhunderten Gegenstand von Erörterungen[1]. Auch dieser Artikel setzt sich mit einigen Details dazu auseinander und bringt Bibelpassagen ins Spiel, die selten in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Vorweg folgende Überlegung: Wenn Gott das erste Menschenpaar mit einem freien Willen ausstattete – wovon hier ausgegangen wird –, muss er realistischer Weise damit gerechnet haben, dass der worst case (der denkbar schlimmste Fall) irgendwann einmal eintreten kann. Hätte er die Möglichkeit eines worst case vollkommen ausgeschlossen, könnte man nicht wirklich von einem „freien“ Willen reden. In der Bibel finden sich genügend Passagen, aus denen hervorgeht, dass Gott dem Menschen grundsätzlich die Wahl überlässt, ob er Gott anerkennen und dienen möchte oder nicht (1. Mose 2,16.17; 5. Mose 30,19–20; Josua 24,15; Jesaja 1,16-18; Hesekiel 18,23.31–32; Matthäus 7,13.14; 23.37; Johannes 3,16; 2. Korinther 5,20; 6,147,1).

Da der Schöpfer ein Gott des Friedens und nicht der Unordnung ist (1. Korinther 14,33), darf man davon ausgehen, dass er in Anbetracht der Möglichkeit eines worst case für diesen Fall einen „Notfallplan“ sozusagen in petto hatte. Durch diesen könnten die Unordnung und der Unfriede, die entstehen würden, wieder ausgeräumt werden.

Der „Notfallplan“

Nun ist aus christlicher Sicht bekannt, worin dieser „Notfallplan“ besteht. Die Grundlage für die Beseitigung des bestehenden Notstandes legte Gottes Sohn, Jesus Christus. Er opferte für die in Sünde gefangene Menschheit sein Leben und bewirkte eine Befreiung von Sünde und Tod (Römer 5,6–8; 6,18.22.23). Diese Befreiung drängt er unter Berücksichtigung des freien Willens allerdings keinem Menschen auf. Er unterbreitet vielmehr ein Angebot und appelliert durch Jesus Christus sowie dessen Bekenner an alle Menschen: „Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!“[2] (2. Korinther 5,20; vergleiche Römer 5,10.11). Wer das Angebot annimmt, kann mit Gott versöhnt werden, was beinhaltet, dass seiner Bitte um Vergebung seiner Sünden entsprochen wird (Epheser 1,7). Dadurch kann er gerecht gesprochen und somit von der Sünde freigesprochen werden. (Vergleichbar mit einer Amnestie; Römer 5,9.16.18.19). Und der Frieden mit Gott und den Mitmenschen wird wieder hergestellt (Römer 5,1; Epheser 1,10; Kolosser 1,19.20).

Stützt die Bibel den Gedanken, dass ein „Notfallplan“ von Anfang an existierte? Ja. Folgende Aussagen werfen Licht darauf:

„Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war – das Blut von Christus. Schon vor der Erschaffung der Welt war Christus ´als Opferlamm` ausersehen, und jetzt, am Ende der Zeit, ist er euretwegen ´auf dieser Erde` erschienen“ (1. Petrus 1,18–20).

Dass Christus „schon vor der Erschaffung der Welt … ausersehen“ war, ist keine Vorherbestimmung im Sinne der Prädestinationslehre. (Gemäß dieser Lehre gibt es de facto keinen „freien Willen“, sondern alles, was geschehen ist, war vorherbestimmt – einschließlich des Sündenfalls in Eden.[3]) Vielmehr wird durch diese Aussage der oben erwähnte „Notfallplan“ beschrieben, der bei Bedarf (das heißt in dem Fall, dass der Mensch seinen freien Willen in Auflehnung gegen seinen Schöpfer gebraucht) zum Zuge kommen sollte. In Wirklichkeit ist die Existenz eines „Notfallplanes“ Ausdruck der Weisheit Gottes und Christi (Römer 11,33; 1. Korinther 1,24.30; Kolosser 2,3).

Weitere Bibelpassagen werden klarer

Unter diesem Aspekt wird auch folgende Aussage der Schrift verständlich:

„Denn in Christus hat er uns schon vor der Erschaffung der Welt erwählt mit dem Ziel, dass wir ein geheiligtes und untadeliges Leben führen, ein Leben in seiner Gegenwart und erfüllt von seiner Liebe. Von allem Anfang hat er uns dazu bestimmt, durch Jesus Christus seine Söhne und Töchter zu werden. Das war sein Plan; so hatte er es beschlossen.

Er hat uns seinen Plan wissen lassen, der bis dahin ein Geheimnis gewesen war und den er – so hatte er es sich vorgenommen, und so hatte er beschlossen – durch Christus verwirklichen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war: Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist. Außerdem hat Gott uns – seinem Plan entsprechend – durch Christus zu seinen Erben gemacht. Er, der alles nach seinem Willen und in Übereinstimmung mit seinem Plan ausführt, hatte uns von Anfang dazu bestimmt mit dem Ziel, dass wir zum Ruhm seiner ´Macht und` Herrlichkeit beitragen – wir alle, die wir unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben“ (Epheser 1,4.5.9–12).

Liest man den Bericht über die Erschaffung des Menschen im 1. Buch Mose, so ist ersichtlich, dass die ursprüngliche Bestimmung des Menschen das Leben auf der Erde war. Nur in dem Fall, dass er sich von Gott abwenden würde, sollte er sterben (1. Mose 2,16.17). Gemäß den vorstehenden Ausführungen im Epheserbrief sollte in diesem Fall (d.h. im Falle der Auflehnung gegen den Schöpfer) etwas umgesetzt werden, was über das im 1. Petrusbrief Beschriebene (siehe oben) hinaus geht: Der Apostel Petrus beschreibt, wie der „Notfallplan“ durch Christus umgesetzt werden sollte.

Gemäß den Ausführungen des Apostels Paulus im Brief an die Epheser sollten darüber hinaus Glieder der (dann sündigen) Menschheit in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle spielen. Auch das war „schon vor der Erschaffung der Welt“ festgelegt worden. Unter Berücksichtigung des freien Willens, auf den unser Schöpfer Wert legt, darf davon ausgegangen werden, dass nicht das einzelne Individuum, der einzelne Mensch (der „vor der Erschaffung der Welt“ noch gar nicht existierte), bereits „erwählt“ war. Vielmehr war „bestimmt“ worden, dass im worst case Menschen überhaupt in den „Notfallplan“ mit einbezogen werden würden. Paulus spricht mehrfach davon, dass dieser „Plan“ von Anfang an vorgesehen war. Zunächst war er „ein Geheimnis“; später jedoch sollte er „durch Christus“ der Menschheit enthüllt werden.

Berücksichtigt man diese Sichtweise, werden weitere Aussagen der Bibel klarer. Zwei davon sollen hier erwähnt werden.

Zum einen die prophetische Äußerung in 1. Mose 3,15:

„Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen“ (Revidierte Elberfelder Bibel, rElb).

Es fällt auf, dass diese Prophezeiung unmittelbar nach dem Sündenfall in Eden geäußert wurde. Geht man von der Existenz des beschriebenen „Notfallplans“ aus, ist nicht verwunderlich, dass bereits damals feststand, wie das entstandene Problem gelöst werden würde: Durch den „Samen“ der Frau, d.h. Jesus Christus, der Satan „den Kopf zermalmen“ wird.

Ein weiteres Beispiel ist Matthäus 25,34:

„Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an!“ (rElb)

Wie konnte „von Grundlegung der Welt an“ das Reich Gottes bereitet gewesen sein? Weil bereits zu jener Zeit feststand, auf welche Art und Weise im Fall einer Auflehnung gegen Gott (durch den worst case, der unangemessenen Verwendung des freien Willens) das Reich Gottes Realität werden würde.

Geht man davon aus, dass die hier beschriebene schlüssige Erklärung zutrifft, ergibt sich ein harmonisches Zusammenspiel: Übereinstimmung von Bibelpassagen, aus denen hervorgeht, dass Gott den Menschen mit einem freien Willen ausgestattet hat mit Passagen, die verschiedene Festlegungen „vor der Erschaffung der Welt“ erwähnen und die oft als Beleg für die Prädestinationslehre Verwendung finden.


Fußnoten:

[1] Vergleiche WikipediaFreier Wille“ sowie „Prädestination

[2] Wenn nicht anders vermerkt, sind in diesem Artikel alle Bibelzitate der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ) entnommen.

[3] Es muss angemerkt werden, dass es Varianten der Prädestinationslehre gibt (vergleiche Fußnote 1).

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