„Mit Geist und Wahrheit“ anbeten (Johannes 4:23, 24) – Teil 1

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Als Jesus Christus sich mit einer Samariterin unterhielt, kam er auf ein Thema zu sprechen, das nicht nur die Samariterin betraf, sondern Bedeutung für alle Christen haben sollte, die zu irgendeiner späteren Zeit und an irgendeinem Ort der Erde leben sollten. Bezüglich der Anbetung seines himmlischen Vaters setzte er einen Maßstab, den jeder beachten muss, wenn er sicher gehen möchte, dass seine Anbetung Gott, dem Allmächtigen, angenehm ist. Wenn Christen diesen Maßstab beachten, erübrigen sich viele spitzfindige Auseinandersetzungen bezüglich einzelner, unterschiedlicher Glaubensauffassungen, die schon zu so viel Uneinigkeit und Streit geführt haben. Was ist dieser Maßstab?

„Dennoch kommt die Stunde, und sie ist jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater mit Geist und Wahrheit anbeten werden; denn in der Tat, der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist ein GEIST, und die ihn anbeten, müssen [ihn] mit Geist und Wahrheit anbeten

sagte Jesus Christus gemäß Johannes 4:23 und 24. Gott, unser Vater im Himmel, erwartet also, dass wir ihn einerseits „mit Geist“ (andere Bibelübersetzungen sagen „im Geist“) und außerdem „mit“ oder „in der Wahrheit“ anbeten. Manche Übersetzungen gebrauchen etwas beschreibendere Formulierungen wie „von seinem Geist erfüllt und in seiner Wahrheit leben“ (Hoffnung für alle) oder „vom Geist erfüllt und die Wahrheit erkannt“ (Neue Genfer Übersetzung).

Es lohnt sich, sich mit diesen von Gottes Sohn genannten Voraussetzungen näher auseinanderzusetzen.

Diese Erörterung wird sich zunächst mit der zweiten von Jesus genannten Voraussetzung befassen – die Anbetung „mit Wahrheit“, da es leichter ist, diese biblisch zu erläutern. Die zuerst erwähnte Voraussetzung – „mit Geist“ – wird in einem separaten Artikel erörtert werden.

 „Mit Wahrheit“ anbeten

Was bedeutet es, Gott „mit“ oder „in der Wahrheit“ anzubeten? Dazu muss zunächst klar sein, was Gottes Wort unter dieser „Wahrheit“ versteht. Christen stellen nicht wie Pontius Pilatus zynisch die Frage „Wahrheit, was ist das schon?“, weil sie etwa der Ansicht sind, es gebe keine wirkliche Wahrheit (Johannes 18:38; Neue evangelistische Übersetzung).

 Gottes Wort ist Wahrheit

Die Wahrheit, von der Jesus Christus sprach, ist in der Bibel klar definiert. Jesus sagte zu seinem Vater im Gebet:

„Heilige sie durch die Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Johannes 17:17).

Zu der Zeit, als Jesus diese Worte im Gebet äußerte, gab es nur die Hebräischen Schriften (das Alte Testament) als geschriebenes Wort Gottes. Sicher hat Jesus auch diese Schriften mit seiner Aussage „dein Wort“ gemeint. Aber bestimmt nicht nur. Buchstäblich „Gottes Wort“ waren auch die Worte, die Gott selbst zu seinem Sohn sprach. (Vergleiche z.B. Lukas 9:35; weiter unten zitiert.) Dazu gezählt werden müssen auch alle Lehren Jesu, der gemäß dem Evangelisten Johannes in Kapitel 1 Vers 1 und 14 „das Wort“ Gottes ist. Auch Jesus Christus selbst bestätigte, dass seine Lehren Gottes Wort sind:

„Wer mich missachtet und meine Reden nicht annimmt, der hat einen, der ihn richtet. Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am letzten Tag; denn ich habe nicht aus eigenem Antrieb geredet, sondern der Vater selbst, der mich gesandt hat, hat mir ein Gebot in Bezug auf das gegeben, was ich sagen und was ich reden soll. Auch weiß ich, dass sein Gebot ewiges Leben bedeutet. Daher rede ich die Dinge, die ich rede, so wie der Vater [sie] mir gesagt hat“ (Johannes 12:48-50).

„Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht; und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern gehört dem Vater, der mich gesandt hat“ (Johannes 14:23, 24).

Die Worte Jesu, wie in den Evangelien aufgezeichnet, sind also eindeutig gleichzeitig die Worte seines Vaters. Jesu Lehren müssen daher mit einbezogen werden, wenn man Jesu Aussage, „dein Wort ist Wahrheit“, verstehen möchte.

Darüber hinaus hat Jesus versprochen, dass das „Wort Gottes“ nach seiner Auferstehung weiter vervollständigt werden würde:

„Wenn der Helfer gekommen ist, den ich euch vom Vater her senden will, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, wird dieser Zeugnis von mir ablegen; und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr bei mir gewesen seid, seitdem ich begann“ (Johannes 15:26, 27).

„Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus eigenem Antrieb reden, sondern was er hört, wird er reden, und er wird euch die kommenden Dinge verkünden“ (Johannes 16:12, 13).

Die Jünger Jesu durften also mit Recht davon ausgehen, dass Jesus nach seiner Auferstehung veranlassen würde, das „Wort Gottes“ durch den „Geist der Wahrheit“ zu vervollständigen. Das bezog sich auf das von den Aposteln verkündete mündliche „Wort Gottes“ als auch auf das schriftlich niedergeschriebene „Wort Gottes“ im Neuen Testament. Dass diese Schlussfolgerung biblisch ist, bestätigen die zahlreichen Aussagen in der Apostelgeschichte und in den inspirierten Briefen des Neuen Testaments, wo immer wieder auf „das Wort“ Bezug genommen wird. Nur einige wenige Beispiele dafür sind Apostelgeschichte 17:13, Epheser 1:13 und 1. Thessalonicher 2:13.

Wenn Jesus also betete „Heilige sie durch die Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“, so meint er für uns insbesondere Gottes geschriebenes Wort, die Bibel einschließlich des Neuen Testaments: Dieses Wort Gottes enthält bzw. ist die Wahrheit. Diese Erkenntnis ist grundlegend, da Christen, wie Jesus sagte, durch diese Wahrheit geheiligt werden, d.h. Gott annehmbar werden können.

 Jesus Christus – die Wahrheit

Zu seinem Apostel Thomas sagte Jesus Christus:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14:6).

Wenn sich Jesus selbst als „die Wahrheit“ bezeichnet, so ist es für seine Nachfolger – alle Christen – unerlässlich, das auch anzuerkennen und seine Aussagen und seine Person als Maßstab für die Findung der „Wahrheit“ zu betrachten.

Jesus hat sich nicht selbstherrlich zur „Wahrheit“ erklärt. Sein eigener Vater und Gott sagte:

„Dieser ist mein Sohn, der auserwählte. Hört auf ihn!“ (Lukas 9:35).

Kraft dieser Autorität, die ihm sein Vater verliehen hat, konnte er berechtigterweise sagen:

„Ich [bin] ein Vertreter von ihm […], und jener hat mich ausgesandt“ (Johannes 7:29).

Auch der Apostel Paulus hat uneingeschränkt anerkannt und festgestellt, dass Jesus der Maßstab aller Wahrheit ist, die Gott uns vermitteln möchte:

In ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sorgsam verborgen. Das sage ich, damit euch niemand durch überredende Argumente betöre“ (Kolosser 2:3, 4).

Diese „Schätze der Weisheit und Erkenntnis“, die wir nur durch Jesus Christus sozusagen „heben“ können, müssen wir erfassen, wenn unsere Anbetung unserem Vater im Himmel annehmbar sein soll.

Der Apostel Johannes wies in der Einführung seines Evangelienberichts in Johannes 1:17 darauf hin, dass

„die unverdiente Güte und die Wahrheit […] durch Jesus Christus gekommen [sind]“.

 Die Wahrheit, die frei macht, hoch schätzen

Diese Wahrheit ist weder undefinierbar noch unbegreifbar. Vielmehr ist sie für das Glück eines Christen unverzichtbar, denn Jesus stellte fest:

„Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8:31, 32).

Da wir die Wahrheit erkennen können, können wir auch in die Lage versetzt werden, den allein wahren Gott „mit Wahrheit“ anzubeten und ihm dadurch wohlgefällig zu sein. Die Wahrheit und das daraus resultierende gute Verhältnis zu Gott macht Menschen wirklich frei – frei von Unsicherheit, Furcht und Irrtum.

Diese frei machende Wahrheit muss deshalb geschätzt, behütet und verteidigt werden!

Was die „Verteidigung“ der Wahrheit betrifft, allerdings ein Wort zur Vorsicht und Mahnung. Wie unten unter „Die Wahrheit und Dogmatismus“ ausgeführt muss unterschieden werden zwischen Aussagen der Schrift, die klar verständlich sind und nicht ausgelegt zu werden müssen. Das ist die Wahrheit, die es auf jeden Fall zu erhalten heißt. Gleichnisse oder prophetische Visionen (wie in der Offenbarung) müssen ausgelegt werden. Und die Auffassungen, welche Auslegung die zutreffende ist, gehen oft auseinander. Wie oft sind sie schon von den ursprünglichen Auslegern revidiert worden, und das nicht nur einmal. Sich über solche Auslegungen zu streiten, wäre völlig unbiblisch:

Ein Sklave des Herrn aber hat es nicht nötig zu streiten, sondern muss gegen alle sanft sein, lehrfähig, der sich unter üblen Umständen beherrscht, der mit Milde die ungünstig Gesinnten unterweist, da Gott ihnen vielleicht Reue gewährt, die zu einer genauen Erkenntnis der Wahrheit führt“ (2. Timotheus 2:24, 25).

Aber auch bezüglich Wahrheiten, die nicht auf Auslegung beruhen, darf es nicht zu unchristlichen Verhaltensweisen kommen. Wie entwürdigend wäre es, wenn es im Streit um solche Wahrheiten zu tätlichen Auseinandersetzungen käme oder zum Krieg mit Worten, die verletzen!

„Stecke dein Schwert wieder an seinen Platz, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ sagte Jesus zu Petrus (Matthäus 26:52).

„Überdies wird der Same der Frucht der Gerechtigkeit unter friedevollen Verhältnissen für die gesät, die Frieden stiften.
Woher kommen Kriege und woher Streitigkeiten unter euch? Kommen sie nicht von dieser Quelle, nämlich von euren Begierden nach sinnlichem Vergnügen, die in euren Gliedern im Streit liegen“ (Jakobus 3:18-4:1)?

Außerdem besteht auch bei Wahrheiten, die nicht auf Auslegung beruhen, immer die Gefahr, dass einzelne Aspekte nicht korrekt verstanden werden. Unter allen Umständen müssen Christen den gegenseitigen Respekt wahren und sollten sich nicht gegenseitig verurteilen, wenn beide Seiten „ihre“ biblischen Begründungen ins Feld führen:

Hört auf zu richten, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit dem Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch messen“, mahnte Jesus Christus (Matthäus 7:1, 2).

Wir sollten das Gericht in solchen Dingen dem überlassen, den Jehova, der Allmächtige, dafür eingesetzt hat:

Warum aber richtest du deinen Bruder? Oder warum blickst du auch auf deinen Bruder hinab? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen; denn es steht geschrieben: „ ,So wahr ich lebe‘, spricht Jehova, ‚vor mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott offen anerkennen.‘ “ So wird denn jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft ablegen. Darum laßt uns nicht mehr einander richten, sondern vielmehr sei dies eure Entscheidung: einem Bruder keine Ursache des Strauchelns [zu geben] noch ihm einen Fallstrick zu legen“ (Römer 14:10-13).

„Denn der Vater richtet überhaupt niemand, sondern er hat das gesamte Gericht dem Sohn übergeben“ (Johannes 5:22).

„Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar gemacht werden, damit jeder das ihm Zuerkannte für die Dinge empfange, die er durch den Leib getan hat, gemäß dem, was er zu tun pflegte, ob Gutes oder Böses“ (2. Korinther 5:10).

Es ist also besser, das Gericht dem Sohn Gottes zu überlassen und seine eigene Verantwortung vor Gott und Christus zu tragen!

Zurück zur „Wahrheit“: Wer im Begriff ist, das zu verwässern, was Gottes Wort unmissverständlich lehrt – ob bewusst oder unbewusst –, muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass dieses kostbare Gut rein erhalten bleiben muss. Die Wahrheit ist so wichtig, dass jeder aufrichtige Christ bereit sein sollte, Korrekturen vorzunehmen, wenn er feststellt, dass sein Glaube nicht, nicht ganz oder nicht mehr der biblischen Wahrheit entspricht. Der Apostel Paulus ist ein nachahmenswertes Vorbild für einen solchen Beschützer der Wahrheit. Als der Apostel Petrus (Kephas) aus Menschenfurcht seinen unbeschwerten Umgang mit Christen aus den Nationen (Heiden) einschränkte, verletzte er einen grundlegenden Grundsatz der christlichen Wahrheit: die Unparteilichkeit Gottes gegenüber allen Menschen.

„Als ich aber sah,“ schreibt Paulus darüber, „dass sie nicht den geraden Weg gemäß der Wahrheit der guten Botschaft wandelten, sagte ich vor ihnen allen zu Kẹphas: „Wenn du, obwohl du ein Jude bist, so lebst wie die Nationen und nicht wie Juden, wie kommt es, dass du Leute von den Nationen nötigst, gemäß jüdischem Brauch zu leben?““ (Galater 2:14).

Da es um die „Wahrheit“ ging, nahm Paulus keine Rücksicht auf eine möglicherweise als besonders betrachtete Stellung des Apostels Petrus. Die Achtung vor der Wahrheit ist wichtiger als jede denkbare Stellung oder Position, die ein Mensch haben könnte. Der Respekt vor dem, der sich als „die Wahrheit“ bezeichnet und der der Vertreter Jehovas, des Allmächtigen ist, erfordert es, dass die „Wahrheit“ hochgehalten wird.

 Die Wichtigkeit der Wahrheit

Der Apostel Paulus unterstrich den hohen Stellenwert der Wahrheit grundsätzlich und hob ihn auf unterschiedliche Weise immer wieder hervor:

„Fahrt fort, als Kinder des Lichts zu wandeln, denn die Frucht des Lichts besteht aus jeder Art von Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Epheser 5:8, 9).

„Für den Fall aber, dass ich aufgehalten werde, sollst du wissen, wie du dich im Hause Gottes zu benehmen hast, das die Versammlung [des] lebendigen Gottes, eine Säule und Stütze der Wahrheit, ist“ (1. Timotheus 3:15).

Tu dein Äußerstes, dich selbst Gott als bewährt darzustellen, als ein Arbeiter, der sich wegen nichts zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht handhabt“ (2. Timotheus 2:15).

Durch diese Haltung war er mit seinem Herrn Jesus Christus in einer Linie. Alle christlichen Lehren müssen unbedingt der Wahrheit entsprechen, weil das Christentum sonst seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit einbüßen würde. Das könnte dazu führen, dass ‚unser Glaube nutzlos‘ ist und wir zu den „bemitleidenswertesten aller Menschen“ gerechnet werden könnten. (Vergleiche 1. Korinther 15:17-19.)

 Die Wahrheit und Dogmatismus

Zu Recht ist bis hierher hervorgehoben worden, wie wichtig es ist, die Wahrheit hochzuhalten und jede Verwässerung derselben zu vermeiden. Es gilt allerdings zu beachten, dass oftmals Lehren als „Wahrheit“ vermittelt werden, die auf einer Auslegung des Wortes Gottes beruhen. Diese Auslegungen werden von anderen Bibellesern oftmals von einer anderen Warte aus betrachtet und daher völlig unterschiedlich aufgefasst und ausgelegt. Was dann?

Es ist zu unterscheiden zwischen klaren, nicht auszulegenden Aussagen der Bibel und solchen, die symbolisch (oftmals zugleich prophetisch) zu verstehen sind oder die auf der Auslegung von Gleichnissen oder Veranschaulichungen beruhen. Nicht ausgelegt werden müssen Aussagen wie, dass Gottes Name Jehova (Jahwe, JHWH) ist und dass er der Allmächtige ist. Ebenfalls nicht auszulegen sind Aussagen wie, Jesus Christus ist der einziggezeugte Sohn Gottes. Oder dass Jesu himmlischer Vater ihn von den Toten zu geistigem, himmlischen Leben auferweckt hat.

Anders steht es mit der Bedeutung einiger Gleichnisse Jesu, sofern nicht der Kontext oder eine eigene Erläuterung Jesu den Sinn klärt. Oder auch die Bedeutung einzelner Visionen aus der Offenbarung, die der Apostel Johannes „in Zeichen“ vermittelt bekam (Offenbarung 1:1). Nimmt man die Aussagen solcher Gleichnisse oder Visionen buchstäblich, so ergeben sie manchmal keinen Sinn. Somit müssen sie sinnbildlich aufgefasst werden. Wenn nun das Verständnis solcher Aussagen unterschiedlich ist – was dann?

In diesen Fällen ist Dogmatismus unbedingt zu vermeiden. Wie oft änderte jemand, der dogmatisch eine Auslegung begründete und verteidigte, später seine Auslegung! Und wie furchtbar, wenn jemand als „abtrünnig“ eingestuft wurde, weil er irgendeiner solcher dogmatischen Auslegungen nicht folgte. Wie bereits erwähnt, warnte Jesus in der Bergpredigt:

Hört auf zu richten, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit dem Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch messen“ (Matthäus 7:1, 2).

Dieser Maßstab muss auch dann berücksichtigt werden, wenn es darum geht, wie jemand anzusehen ist, der Auslegungen der Heiligen Schrift nicht oder nicht ganz folgt. In seinen beiden Briefen an die Korinther Christen brachte der Apostel Paulus genau dieses Verständnis zum Ausdruck, als er schrieb:

„Nun, Brüder, diese Dinge habe ich in übertragenem Sinne zu eurem Besten auf mich und Apollos angewandt, so daß ihr an unserem Fall die [Regel] kennenlernt: „Geht nicht über das hinaus, was geschrieben steht“, damit ihr nicht persönlich aufgeblasen werdet zugunsten des einen gegen den anderen“ (1. Korinther 4:6)

Nicht, daß wir die Herren über euren Glauben sind, sondern wir sind Mitarbeiter an eurer Freude, denn ihr steht durch [euren] Glauben“ (2. Korinther 1:24).

Wenn es also nicht um klare, eindeutige, nicht auszulegende Aussagen der Bibel geht, darf keine dogmatische Lehre vermittelt werden. Sind die Aussagen der Bibel bzw. die Aussagen Jesu Christi – der „Wahrheit“ – dagegen klar und unmissverständlich, sollten wir dafür nachdrücklich eintreten, auch wenn das im Einzelfall persönliche Nachteile nach sich ziehen mag. Auf diese Weise bringt man wirklichen Respekt vor der „Wahrheit“ aus Gottes Wort zum Ausdruck. Und nicht nur davor, sondern auch vor dem persönlichen Glauben eines Mitchristen, der durch seinen eigenen Glauben steht und ihn vor seinem himmlischen Richter verantworten muss.

 Wahrheit und Einheit

Der gleiche Respekt vor Gott erfordert es auch, der Wahrheit im Verhältnis zur Einheit in der Christenversammlung den richtigen Stellenwert beizumessen. Gemäß Jesu Gebet hat auch die Einheit einen hohen Stellenwert:

„Ich bitte nicht nur in Bezug auf diese, sondern auch in bezug auf diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben, damit sie alle eins seien, so wie du, Vater, in Gemeinschaft bist mit mir und ich in Gemeinschaft bin mit dir, dass auch sie in Gemeinschaft mit uns seien, damit die Welt glaube, dass du mich ausgesandt hast. Auch habe ich ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, so wie wir eins sind, ich in Gemeinschaft mit ihnen und du in Gemeinschaft mit mir, damit sie vollkommen eins gemacht werden, auf dass die Welt Kenntnis davon habe, dass du mich ausgesandt und dass du sie geliebt hast, so wie du mich geliebt hast“ (Johannes 17:20-23).

Nicht übersehen werden darf allerdings, dass Jesus unmittelbar vor diesen Worten in seinem Gebet die bereits zitierten Worte äußerte:

Heilige sie durch die Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Ebenso, wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich zu ihren Gunsten, damit auch sie durch [die] Wahrheit geheiligt seien“ (Johannes 17:17-19).

Wenn Jesus in diesem Gebet sowohl von der Notwendigkeit der „Wahrheit“ als auch von der Wichtigkeit der „Einheit“ spricht, so kann er damit niemals gemeint haben, dass Einheit zu Lasten der Wahrheit toleriert werden könne. Ansonsten würde er eine Handlungsweise gut heißen, die er an anderer Stelle scharf verurteilt:

„Ihr seid aus eurem Vater, dem Teufel, und nach den Begierden eures Vaters wünscht ihr zu tun. Jener war ein Totschläger, als er begann, und er stand in der Wahrheit nicht fest, weil die Wahrheit nicht in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er gemäß seiner eigenen Neigung, denn er ist ein Lügner und der Vater der [Lüge]. Weil ich dagegen die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht“ (Johannes 8:44, 45).

Die Einheit der Christenversammlung ist wichtig:

„Euch ernstlich bemühend, die Einheit des Geistes in dem vereinigenden Band des Friedens zu bewahren. Da ist e i n Leib und e i n Geist, so wie ihr in der e i n e n Hoffnung berufen worden seid, zu der ihr berufen wurdet; e i n Herr, e i n Glaube, e i n e Taufe; e i n Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist“ (Epheser 4:3-6).

Aber wie diese Verse zeigen, muss die Einheit unter anderem auf dem einen Glauben beruhen. Dieser Glaube wiederum muss auf Wahrheit gründen, weil er sonst falsch und daher nutzlos wäre. Einheit sollte nicht auf Kosten der Wahrheit erzielt werden. Und wie oben gezeigt sollte Dogmatismus vermieden werden – eine weitere Gefahr für wirkliche christliche Einheit.

Der Apostel Paulus war sich sehr wohl bewusst, dass es nicht immer einfach ist, der Wahrheit die ihr gebührende Geltung zu verschaffen:

„Nun denn, bin ich euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage?“ fragte er Christen in Galatien (Galater 4:16).

Aber er war nicht feige. Wenn ihn auch einige als Feind betrachten mochten, schätzte er den Wert der Wahrheit doch immer hoch ein. Er hatte die gleiche Haltung wie die anderen Apostel:

„Und der Hohepriester befragte sie und sprach: „Wir haben euch ausdrücklich befohlen, nicht mehr weiter aufgrund dieses Namens zu lehren, und dennoch, seht, ihr habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt, und ihr seid entschlossen, das Blut dieses Menschen über uns zu bringen.“ Als Antwort sagten Petrus und die [anderen] Apostel: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5:27-29).

 

Pilatus‘ zynischer Frage „Was ist Wahrheit?“ ging die bedeutsame Aussage Jesu voraus:

„Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Johannes 18:37).

Fassen wir also den festen Entschluss, auf Jesu Stimme zu hören, um dadurch die Grundlage dafür zu legen, den Vater „mit Wahrheit“ anzubeten.

 Zusammenfassung

Der Herr Jesus Christus sagte, dass der Vater solche als seine Anbeter sucht, die ihn „mit Geist und Wahrheit“ anbeten. Da wir unserem himmlischen Vater gefallen möchten, wollen wir diesen Anforderungen entsprechen. In diesem Artikel haben wir uns zunächst mit dem zweiten dieser beiden Voraussetzungen auseinandergesetzt – ihn „mit Wahrheit“ anzubeten.

    • Wie wir gesehen haben, ist es dafür notwendig, die Bibel – Gottes Wort – als „Wahrheit“ anzuerkennen und unseren Glauben auf die Bibel stützen.
    • Der Vater fordert uns auf, auf seinen Sohn zu „hören“, der über sich sagte, er sei „die Wahrheit“ und dass jemand nur „durch“ ihn zum Vater kommen kann. Daraus ergibt sich, dass alles, was wir glauben, mit den Lehren Jesu Christi im Einklang sein muss. Wir müssen bereit sein, diesen Abgleich mit den Lehren Jesu immer wieder vorzunehmen und nötige Korrekturen bereitwillig vorzunehmen.
    • Wenn wir auf diese Weise unseren Glauben auf die Wahrheit gründen, werden wir „frei“ gemacht von Unsicherheit, Furcht und Irrtum.
    • Gehen wir „nicht über das hinaus, was geschrieben steht“ und beurteilen wir nicht den Glauben eines Mitchristen. Das entspricht dem Geist der Worte Jesu, einander nicht zu „richten“.
    • Da wir „Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“, müssen wir entschlossen sein, allem zu widerstehen, was der Wahrheit entgegensteht. Dazu können auch Menschen zählen, die eine besondere Stellung oder Position innehaben, sich aber der Wahrheit entgegenstellen. Auch der Wunsch, die „Einheit“ zu bewahren berechtigt nicht dazu, die Wahrheit hinten an zu stellen. Gleichzeitig ist es aber notwendig, Dogmatismus und Rechthaberei zu vermeiden.

Ein Aspekt, den man nicht unterbewerten sollte, ist die Gewöhnung. Oft ist es so, dass angestellte Überlegungen einleuchtend erscheinen und man auch entschlossen ist, sie im persönlichen Glauben umzusetzen. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr können diese Überlegungen jedoch zur Selbstverständlichkeit werden und sie sind einem nicht mehr so gegenwärtig wie anfangs. In der Tagesroutine können diese Gedanken so sehr in den Hintergrund rücken, dass man leicht wieder „in alte Bahnen“ zurückkehrt. Was anfangs klar und einleuchtend erschien, verblasst wieder. Wenn man nicht aufpasst, können organisatorische Vorgaben im Glauben oder andere Dinge das Bewusstsein für die Wichtigkeit der „Wahrheit“ in den Hintergrund treten lassen. Beherzigen wir deshalb die Worte des Apostels Paulus:

Prüft immer wieder, ob ihr im Glauben seid, bewährt euch immer wieder“ (2. Korinther 13:5)

Schätzen wir die „Wahrheit“, von der Jesus Christus sprach, hoch ein und beten wir unseren Vater im Himmel „mit“ bzw. „in“ dieser Wahrheit an. Dann dürfen wir zuversichtlich sein, dass dem Vater unsere Anbetung angenehm ist, ja dass er uns dann wirklich „sucht“.

Was es bedeutet, den Vater „mit Geist“ anzubeten, wird in einem künftigen Artikel erörtert.

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